Wie ich einfach losging

Dieser Artikel erschien im August 2022 als erster Beitrag einer dreiteiligen Serie im Magazin der Süddeutschen Zeitung.

Die Erkenntnis, dass aus mir ein fitter Mensch geworden war, hatte ich auf dem Stopselzieher-Weg hinauf zur Zugspitze. An einem Sonntag stieg ich auf, von der Talstation der Tiroler Zugspitzbahn zum Gipfel, 1750 Höhenmeter. Vor 40 Jahren hätten mich auf so einem steilen Bergpfad knapp die Hälfte der anderen Wanderer überholt, ich hätte nach Luft geschnappt und zwischendurch ans Aufgeben gedacht. Ich, die Sofakartoffel, damals Anfang 20. Diesmal überholte mich keiner – dafür passierte ich einen nach dem anderen. Als ich an vier kräftigen Burschen vorbeiflog, konnte ich es mir nicht verkneifen: »In 30 Jahren seid ihr auch schneller.« Klar, das war ein bisschen gemein, aber auch die kleine Seele will belohnt sein. Ich schaffte den Weg in zweieinhalb statt der angegebenen fünf Stunden. Wie nochmal war es so weit gekommen?

In dieser dreiteiligen Kolumne will ich Ihnen davon erzählen. Will berichten, wie man auch als nicht sonderlich sportlicher Mensch Großes erreichen kann. Wie man es schafft, dem drohenden Ruhestand zu entrinnen. Aber Achtung: Dieser Weg wird nicht bequem. Ohne Ziel und ohne Willen geht es nicht, davon handelt der erste Teil.


Heute bin ich 62 Jahre alt, aber die Geschichte, wie ich in diesem Alter nochmal so richtig fit wurde, begann mit 57. Da beschloss ich, all das nachzuholen, wovon ich mein Leben lang geträumt hatte: einen Körper haben, der Strapazen trotzt, nicht nach der ersten Belastung klein beigibt. Große Bergtouren machen, für die ich als junger Kerl nicht die Ausdauer und vor allem nicht den Durchhaltewillen gehabt hatte. Dabei wäre es damals so leicht gewesen, den Körper auf Zack zu bringen. Doch es kam wie so oft: Abhängen mit Freunden, Büffeln für den Uni-Abschluss, eine Freundin, die es ans Meer zog, Beruf, einige Kilo zu viel auf den Hüften, schon mit Ende Zwanzig ein Hexenschuss. Dann kamen die Kinder, mit denen ich harmlose Bergwanderungen unternahm – Zeit für das Große war nie. Zwänge hier, Zwänge dort, alles verlor sich im Klein-Klein. Ohne Ziel stimmt jede Richtung.

Und so blieben Träume. Weisshorn, Matterhorn, Jungfrau. All dieser 4000er in den Alpen, die Namen so klangvoll wie abschreckend, die Gipfel so hoch wie gefährlich. Ich stellte mir vor, wie lebendig ich mich dort oben fühlen würde. Adrenalin im Körper, die Muskeln gespannt, der Kopf frei. Und dann der größte aller Träume: eine Besteigung der Grandes Jorasses, einem 4000er in Frankreich, der verrückteste Berg, den ich kenne. Die Silhouette erinnert an die Sagrada Familia, hoch, spitz, steil. Dort oben würde alles zusammenkommen müssen: Ich müsste fit werden wie nie zuvor, die Angst besiegen, den Willen stählen. Ich müsste trainieren ohne Ende, Ausdauer, Kraft, die Ernährung umstellen, abspecken.

Zuerst einmal musste ich das Gift der Bequemlichkeit loswerden, das sich im Laufe eines Lebens in die Gehirnwindungen frisst wie Säure. Statt um halb zwei Uhr morgens aufzustehen, um bei Dunkelheit und Kälte aufzubrechen, könnte ich doch ebenso unter Palmen am Meer liegen und vor dem Langschläfer-Frühstück noch eine Runde schwimmen gehen. Wäre das nicht viel schöner? Oder statt Lauftraining im Dezember bei zwei Grad im Nieselregen vielleicht besser ein Wohlfühl-Nickerchen auf dem Sofa?

Zum Glück fällt es mir heute viel leichter als früher, diese Ausreden als solche zu erkennen. Dabei half es, Freunde in meinem Alter zu fragen, was ihre Pläne für die Zukunft sind – meist nennen sie Pensionistenpläne.

Die Erste will endlich reisen, viel reisen, gutes Essen genießen, ein Glas Campari am Strand, sowas. Schön, würde mir auch gefallen, nach der Bergtour, zwei Tage lang. Aber als Lebensaufgabe? Das erscheint mir mehr wie das Aufgeben des Lebens.

Der Zweite will noch mehr Golfen als bisher schon, ob am Chiemsee oder auf Gran Canaria.  Auch schön. Aber als Plan fürs Leben wäre mir das zu kurz gesprungen.

Der Dritte möchte endlich richtig Italienisch lernen. Ist das alles? Das könnte man auch locker nebenher, auf Berghütten hat man viel Zeit.

Der Vierte sagt mir nur, er habe sich, seit er aufgehört hat  zu arbeiten, ein Elektro-Bike zugelegt. Aha. Wo brennt da bitte das Feuer? Dazu fällt mir Fitness-Guru Werner Kieser ein, der fragte: Wollt ihr euch zu Tode schonen?

Der Fünfte will sich endlich einen Aston Martin kaufen. Das Geld hat er wohl, aber was ist das für ein Ziel? Ich will nicht haben. Ich will machen. »Der Mensch braucht einen Pflug!«, sagte der Schriftsteller Antoine de Saint-Exupéry, einen Pflug, mit dem er in mühsamer Ackerei der Erde ihre Wahrheiten abringt. Mein Pflug ist das Bergsteigen. Dabei ist es ganz egal, welchen Pflug man hat – ohne verliert sich das Leben im Seichten und droht zu erlöschen. Ich will nicht in der Komfortzone verdämmern, ich will das Leben auskosten. Schönes und Teures können sich viele Leute leisten, die einfach Glück hatten im Leben, ein dickes Erbe etwa. Was ich will, kann sich keiner kaufen. Das muss ich mir mit klammen Fingern erkämpfen.

Warum aber auf Bergtour gehen und nicht lieber Marathon laufen oder eine Radtour zum Gardasee machen oder den berühmten Skilanglauf im Engadin? Läufer und Radler haben es bequem, sie sind überall von Zivilisation umgeben. Wer keine Luft oder Lust mehr hat, kann bei Kilometer 34 einfach aussteigen und mit dem Bus heimfahren.

Hohe Berge bieten mindestens zwei Dimensionen mehr. Erstens Gefahr und damit Angst. Auf dem Grat der Grandes Jorasses fährt der Fels links 1500 Meter nach Frankreich hinab und rechts 1000 Meter nach Italien. Steinschlag, Lawinen und Spaltensturz drohen. Wenn dort oben  schwefelgelbe Gewitterwolken auf dich zurollen, erinnern sich auch Hartgesottene ganz schnell ans Vaterunser. Wenn dann noch Nebel aufzieht oder das Handy-Netz ausbleibt – und mindestens eins von beiden ist eher die Regel – kann dir niemand mehr helfen. Die Abgründe sind tief, in jeder Hinsicht. Zweitens: Bergtouren dieser Art verlangen die höchstmögliche Konzentration ohne Pause über viele Stunden, bei großer körperlicher Anstrengung und wenig Schlaf. Bloß kein falscher Tritt, bloß nicht straucheln, bloß keine Sekunde nachlassen. Der Sport ist kompletter als die anderen beiden, es braucht Muskeln und Ausdauer, Konzentration und Umsicht, Mut und Willen.

Wenn es neben all diesen Gründen noch einen letzten für mich gebraucht hat, alle Bequemlichkeit hinter mir zu lassen, dann war es der Leidensdruck, der in meinem Alter rasch höher wird. Im rechten Knie spürte ich seit Jahren einen diffusen Schmerz, ich ärgerte mich über die paar Kilo zu viel, den nur leidlich trainierten Rücken, die schwache Puste. Noch ein einziges Wehwehchen mehr, dachte ich, und du schaffst die großen Touren nicht mehr. Dann musst du deine Ziele beerdigen, bevor du überhaupt losgegangen bist. Also ging ich los.